Alexandra Popp nach dem DFB-Pokalfinale in Köln alleine auf dem Rasen.

Alexandra Popp: Ein Abschied auf ihre eigene Art

13-mal hat Alexandra Popp den DFB-Pokal gewonnen. Sieg Nummer 14 stehen in Köln im Finale dominante Münchnerinnen im Weg. So wird es ein tränenreicher Abschied von der ganz großen Fußballbühne – mit Respekt von allen Seiten.

Während unten auf dem Rasen des Rhein-Energie-Stadions die Bayern-Spielerinnen zum Ballermann-Hit „Der Zug hat keine Bremse“ ausgelassen feiern, kommt einem oben auf der Tribüne Tolstoi in den Sinn: „Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie aber ist auf ihre eigene Art unglücklich“, lautet einer seiner berühmtesten Sätze.

Was das mit dem Finale des DFB-Pokals in Köln zu tun hat? 

Nun, wenn man den siegreichen Münchnerinnen an diesem Abend beim Jubeln zuschaut, kann man den Eindruck gewinnen: Alle glücklichen Fußballspielerinnen ähneln einander. Da wird in Medaillen gebissen, der Pokal in die Höhe gerissen, sie liegen sich in den Armen, fassen sich an den Schultern und tanzen gemeinsam über den Rasen. 

Die unterlegenen Wolfsburgerinnen hingegen sind jede auf ihre eigene Art unglücklich. Die unglücklichste von allen aber ist wohl ihre Kapitänin Alexandra Popp. 0:4 – beim Schlusspfiff ist es eine deutliche Niederlage gegen die erneuten Double-Siegerinnen des FC Bayern München. 

Respekt für die Rekordsiegerin

Giulia Gwinn und Glódis Viggósdóttir halten Alex Popp im Arm.
Giulia Gwinn und Glódis Viggósdóttir versuchen, Alex Popp zu trösten. Foto: IMAGO / STEINSIEK.CH

Popp lässt sich auf den Rücken fallen und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Georgia Stanway zieht sie wieder hoch und umarmt sie.

Weitere Bayernspielerinnen folgen – Viggósdóttir, Gwinn, Mahmutovic – und zollen der Rekord-Pokalsiegerin ihren Respekt. Klara Bühl wird Popp später „eine Ikone des Frauenfußballs“ nennen. 

Jetzt, kurz nach dem Abpfiff, kommt aber erstmal Münchens Starspielerin Pernille Harder auf die unglückliche Popp zu, nimmt sie in den Arm und versucht, ihr Trost zuzusprechen. Die hört sich alles tapfer an. Kaum aber ist Harder zum Feiern weitergezogen, da vergräbt Popp ihr Gesicht im Trikot und wird von starkem Schluchzen geschüttelt. 

Wer die Schwere des Moments verstehen will, der muss wissen, worum es hier ging: Gerade noch rechtzeitig hatte sich Popp nach einem Muskelfaserriss zurück auf den Platz gekämpft. Der Pokalsieg war ihr letztes großes Ziel mit dem VfL Wolfsburg. Mehr als 46.000 Zuschauer*innen sind für dieses Finale ins Stadion gekommen.

Die vorerst letzte ganz große Fußball-Bühne für Popp. Danach gibt es noch ein Heimspiel in Wolfsburg und dann wartet schon Borussia Dortmund auf die siebenmalige Deutsche Meisterin. Was bedeuten dürfte: Regionalliga statt Champions League. Aufbauarbeit statt Titeljagd. 

Luftkuss für den Pokal

Alex Popp wirft dem DFB-Pokal im Vorbeigehen einen Luftkuss zu.
Alex Popp wirft dem Pokal einen Luftkuss zu. Foto: IMAGO/Maximilian Koch

Hier in Köln aber muss sich Alexandra Popp erstmal selbst wieder aufbauen. Gerade stützt sie die Hände auf den Oberschenkeln ab, als müsse sie neue Kraft schöpfen, um den Rest des Abends durchzustehen. Irgendwann kommen die Wolfsburgerinnen Martina Tufekovic, Janina Minge, Stina Johannes und Sophia Kleinherne angelaufen und bilden einen schützenden Kreis um ihre weinende Kapitänin.

13 Mal hat Popp den DFB-Pokal schon gewonnen. Diesmal kann sie ihrem „Baby“, wie sie die silberne Trophäe liebevoll nennt, nur einen Luftkuss zuwerfen. Doch das allein ist es wohl nicht, was die Schleusen so öffnet, dass die Tränen immer noch fließen, während Popp mit dem Rest des Teams für die Ehrung des FC Bayern München Spalier steht. 

Um ihren Hals baumelt dabei die Silbermedaille. Dass sie die trotz aller Enttäuschung über den verpassten Pokal an diesem Abend nicht abnimmt, passt zu ihr. Die gebürtige Wittenerin gilt als hart gegen sich selbst und manchmal auch gegen andere. Popp ist als Fußballerin in einer Zeit groß geworden, in der die Hierarchie zwischen jungen und erfahrenen Spielerinnen klar geregelt war. Respekt ist für sie ein wichtiger Wert.

Anerkennung für die Gegnerinnen

Die Münchnerinnen feiern ihren Pokalsieg auf dem Podium.
Die Münchnerinnen feiern ihren Pokalsieg. Foto: IMAGO/Maximilian Koch

Und genau diesen Respekt zollt sie in Köln auch den Siegerinnen. Angesprochen auf das ungeliebte Thema „Wachablösung* im deutschen Frauenfußball“, sagt Popp nach dem Finale: „Bayern leistet sehr gute Arbeit. Man muss neidlos anerkennen, dass sie in den letzten Jahren mehr getan haben als wir.“ Wir, das ist der VfL Wolfsburg.

14 Jahre hat Popp für den Verein gespielt, am Ende der Saison wird sie ihn verlassen. Die 35-Jährige wechselt zu Borussia Dortmund, dem Klub, für den ihr Herz seit der Kindheit schlägt. Und das, obwohl der BVB derzeit in der Regionalliga West nur auf Platz zwei liegt. 

Bleibt es bei dieser Platzierung, muss die 145-fache Nationalspielerin Alexandra Popp in der kommenden Saison in der Regionalliga antreten. Gegen Vereine wie die DJK Wacker Mecklenbeck, auf Plätzen deren Zustand sie mitunter um die eigene Gesundheit bangen lassen dürfte.

Ein neues, spannendes Kapitel

Popp hat bei ihrer Unterschrift in Dortmund gewusst, dass dieser Wechsel für sie einen Abstieg um zwei Ligen bedeuten kann. Sie hat sich dennoch dafür entschieden. „Es ist eine neue Herausforderung, etwas von unten mit aufzubauen. Das finde ich spannend. Ich freue mich extrem darauf, gerade die jungen Spielerinnen unter meine Fittiche zu nehmen“, sagt sie nach dem Pokalfinale im Interview mit Sky. „Und ich hoffe natürlich, dass wir schnellstmöglich oben ankommen.“

Am Sonntag wird sich Popp „oben“ erstmal von den Wolfsburger Fans verabschieden – beim Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Zum ersten Mal seit 14 Jahren beginnt sie ein neues Kapitel ohne den VfL. Noch ist nicht klar, in welcher Liga. Aber eins ist schon sicher: Alexandra Popp wird es, wie immer, auf ihre eigene Art tun.

* Einen ausführlichen Text zum Thema „Wachablösung “ hat Annika Becker auf der Bolztribüne verfasst. Ihr könnt ihn hier lesen.

Titelfoto: Seiler

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