Marie Müller hüpft beim Jubel vor Freude in die Höhe. Foto: Imago/Jan Huebner

DFB-Frauen schaffen Sprung nach Brasilien

Mit einem 2:0-Sieg gegen Norwegen lösen die DFB-Frauen in Köln das WM-Ticket für Brasilien. Außenverteidigerin Marie Müller glänzt bei ihrem ersten Länderspiel – und Christian Wück erklärt, warum seine Mannschaft trotz des Erfolgs noch viel zu tun hat.

Spät am Abend wird der Bundestrainer fast philosophisch. Danach gefragt, was seinem Team noch fehle, um reif für den WM-Titel zu sein, sagt Christian Wück: „Ich glaube, es fehlt noch sehr viel. Es ist ein stetiger Prozess und dieser Prozess wird, denke ich, nie aufhören. Es ist ein lebenslanges Lernen.“ Das klingt nach nächtelangen Videoanalysen und harter Arbeit. Für den Moment aber dürfen die DFB-Frauen dann doch erst einmal das Erreichte feiern: Mit einem 2:0-Sieg gegen Norwegen haben sie schließlich gerade die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr klar gemacht.

Mit dem WM-Ticket in der Tasche, will auch Wück die Leistung seiner Spielerinnen nicht kleinlich kritisieren und betont stattdessen, dass er unheimlich stolz sei auf das gesamte Team und auf Sjoeke Nüsken, die die Mannschaft nach den Ausfällen von Giulia Gwinn (Schulter-OP) und Janina Minge (Rotsperre) zum ersten Mal als Kapitänin aufs Feld geführt hat.

„Sjoeke ist eine ganz wichtige Stütze unseres Spiels. Sie ist zusammen mit Elisa Senß ein Herzstück der Mannschaft.“ Nüsken habe bei ihrem Klub Chelsea eine schwere Zeit durchgemacht, so der Bundestrainer. Damals habe ihr das Vertrauen, das sie in der Nationalmannschaft erhielt, sicher geholfen. „Aber sie hat sich da alleine rausgekämpft. Und das ist eben einer ihrer Charakterzüge: In schwierigen Zeiten nicht aufzugeben.“

Norwegen unter Druck

Gegen Norwegen spielt Nüsken eher unauffällig. Aber die Kernaufgabe eines Herzens ist es ja auch nicht, wilde Sprünge zu machen, sondern ruhig den Takt vorzugeben. Funktioniert das, haben andere den Raum, für Ausschläge nach oben zu sorgen. 

Die DFB-Frauen haben in Köln nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Österreich noch etwas gut zu machen. Statt mit der neuformierten Abwehr – neben Gwinn und Minge fehlt auch Franziska Kett – auf Sicherheit zu spielen, setzen sie Norwegen von Beginn an unter Druck. Debütantin Marie Müller taucht als Rechtsverteidigerin schon in den ersten Minuten des Spiels mehrfach weit vorne auf. 

In der 19. Minute schaltet sich dann auch Linksverteidigerin Carlotta Wamser ins deutsche Offensivspiel ein. Ihr Pass in den Lauf von Klara Bühl leitet den Führungstreffer ein. Bühls Hereingabe verstolpert Linda Dallmann in der Mitte derart genial, dass der Ball genau bei Marie Müller landet, die ihn mit dem linken Fuß unter die Latte zimmert. 

Kreuzbandriss warf Müller zurück

Müller, deren Debüt im Nationalteam sich wegen eines Kreuzbandrisses um mehr als ein Jahr verzögert hatte, weiß anschließend gar nicht recht, wohin mit sich und ihrem Glück. Die 25-Jährige, die bei den Portland Thorns in den USA unter Vertrag steht, reißt die Arme in die Höhe und hüpft wie ein Flummi auf der Stelle.

Die meisten der 33.425 Zuschauer*innen im Kölner Rhein-Energie-Stadion lassen sich von dieser authentischen Freude nur zu gerne anstecken. Überhaupt ist das Publikum an diesem Abend leicht entflammbar. Schon in der 24. Minute schwappt die erste La Ola durchs Stadion. 

Drei Minuten später lässt Lea Schüller den Ball im Mittelfeld perfekt in den Lauf von Linda Dallmann klatschen. Die passt ihn nach links raus auf Carlotta Wamser, die den Ball traumschön ins lange Eck schlenzt – 2:0.

Sjoeke Nüsken bejubelt mit ihren Mitspielerinnen die gelungene WM-Qualifikation. Foto: Imago/HMB-Media
Kapitänin Sjoeke Nüsken jubelt mit ihren Mitspielerinnen. Foto: Imago/HMB-Media

Graham Hansen sorgt für Gefahr

Ganz ungefährlich sind die Norwegerinnen nicht. Vor allem Caroline Graham Hansen stellt die deutsche Verteidigung um Kathy Hendrich und Rebecca Knaak immer wieder vor große Herausforderungen. So wie in der 43. Minute, als sie mit einem fantastischen Steckpass die 20-jährige Signe Gaupset bedient, deren Schuss flach neben dem rechten Pfosten einschlägt. Zum Glück für Deutschland entscheidet das spanische Schiedsrichterinnen-Gespann auf Abseits – vermutlich zu Unrecht.

Insgesamt aber wirkt das deutsche Team in der ersten Hälfte frischer und agiler als die Norwegerinnen. Ann-Katrin Berger, die wegen einer Bauchverletzung die Woche über kaum trainiert hat, ist in den richtigen Momenten zur Stelle, Marie Müller fängt Steilpässe ab und Jule Brand löscht zur Not auch mal im eigenen Strafraum. Klara Bühl, die an diesem Abend nicht wie gewohnt ins Spiel findet, heizt dafür das Publikum bei Ecken und Einwürfen an. Die Zuschauer*innen gehen bereitwillig mit. Beim Halbzeitpfiff brandet Jubel auf als sei das Spiel schon gewonnen. 

Feierliche Atmosphäre und der Blick nach vorne

In der zweiten Hälfte verflacht die Partie. Deutschland lässt Graham Hansen und Co. jetzt zu viel Platz – die Norwegerinnen machen aber wenig daraus. Torhüterin Berger lenkt einen gefährlichen Schuss über die Latte. Sjoeke Nüsken arbeitet daran, den Puls des Spiels zu senken. Das Publikum schickt nochmal die Welle durchs Stadion und feiert irgendwann alles: eine leicht verrutschte Flanke, eine elegant gefangene Wasserflasche oder einfach sich selbst. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit geht es zum Klassiker über: „Oh, wie ist das schön!“

Nach dem Abpfiff schaltet die Stadionregie das Flutlicht aus und tausende Smartphone-Lichter auf den Tribünen sorgen für feierliche Stimmung. Die Spielerinnen genießen die Atmosphäre. Christian Wück richtet den Blick schon wieder nach vorne. 

Jetzt wo man fest für Brasilien planen könne, wolle er gegen südamerikanische und afrikanische Teams testen, sagte er und gerne auch gegen die Asienmeisterinnen aus Japan. „Das sind Mannschaften, die für unsere Entwicklung unheimlich hilfreich sein werden“, glaubt der Bundestrainer. „Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was uns noch fehlt und wo wir schon auf einem guten Weg sind.“ 

Soll wohl heißen: Das WM-Ticket ist zwar gebucht, aber der Lernprozess noch lange nicht zu Ende.

Titelfoto: Imago/Jan Huebner

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