Cheftrainerin Heleen Jaques krempelt für das Spiel gegen Werder Bremen ihre Startelf um, stellt eine Verteidigerin in den Sturm – und kann am Ende mit der SGS Essen den Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals feiern. Dort wartet allerdings alles andere als ein Wunschgegner.
Der Abend an der Hafenstraße beginnt so, wie er enden wird: mit einer Überraschung. Essens Cheftrainerin Heleen Jaques baut ihre Startelf im Vergleich zum letzten Ligaspiel gleich auf fünf Positionen um. Torhüterin Kim Sindermann fehlt gleich ganz im Kader. Julia Debitzki, Lany Bäcker, Leonie Köpp und Ramona Maier, die beim 2:2 gegen RB Leipzig noch begonnen hatten, nehmen zunächst auf der Bank Platz. Neu in der Anfangsformation stehen Luisa Palmen sowie die Rekonvaleszentinnen Jana Feldkamp, Beke Sterner und Julie Terlinden. Ebenfalls dabei: Laura Pucks.
Die Essener Aufstellung klingt nach einem Abwehrbollwerk. Doch Pucks, die im Kader der SGS als Defensivspielerin geführt wird, kommt im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Werder Bremen als Sturmspitze zum Einsatz. Bereits gegen Leipzig hatte Jaques die junge Innenverteidigerin bei ihrer Einwechslung nach vorne geschickt. Dort wirkte Pucks‘ Spielstil zwar zunächst etwas unorthodox, am Ende hatte sie aber großen Anteil am späten Ausgleich für Essen.
Auch jetzt gegen Bremen macht Pucks ihre Sache gut, verteidigt als Wandspielerin Bälle gegen Werders robuste Spielweise, lässt die Kugel auf ihre Mitspielerinnen klatschen oder leitet sie per Kopf weiter. „Laura hat eine schöne Größe und ist stark am Ball“, erklärt Jaques nach dem Spiel ihre Entscheidung. Essens etatmäßige Nummer 9, Ramona Maier, muss für die 1,80 Meter große Pucks zunächst auf die Bank.
Essen spielt sich hinten raus
Man habe in der Länderspielpause verstärkt am Spiel mit dem Ball gearbeitet, berichtet Heleen Jaques. Und das sieht man an diesem Abend. Während Kim Sindermann den Ball in der Liga zuletzt oft weit rausgeschlagen und damit selten eine Abnehmerin gefunden hat, spielt die SGS gegen Werder viel flach hinten raus und versucht, die Bremerinnen mit Rückpässen auf Luisa Palmen zu locken.
Bremen, als Sechstplatzierter der Liga und Vorjahresfinalist im Pokal klarer Favorit gegen den Vorletzten Essen, hat in der ersten Halbzeit zwar mehr Ballbesitz, erspielt sich aber kaum zwingende Torchancen. Die größte hat vielleicht Mara Alber, als sie sich in der 34. Minute links gegen Lena Ostermeier durchsetzt, in den Strafraum zieht, mit einem Schussversuch aus spitzem Winkel aber an Palmen scheitert.

Knapp zehn Minuten später gelingt der SGS ein traumhafter Spielzug: Essens Nummer 10, Natasha Kowalski, verlagert das Spiel von der Mittellinie auf Rechtsaußen Beke Sterner. Die flankt in den Strafraum, wo der Ball an drei Essenerinnen vorbeifliegt und zur freistehenden Ella Touon durchrutscht. Die Verteidigerin lässt Torhüterin Mariella El Sherif keine Chance und verwandelt mit links trocken ins lange Eck – 1:0. Kurz darauf geht es für beide Teams in die Kabine.
Die zweite Halbzeit ist schnell erzählt. Bremens Cheftrainerin Fritzy Kromp fasst sie nach dem Spiel so zusammen: „Hinten raus sind uns die Kräfte ein wenig ausgegangen und man hat gemerkt, dass das Programm gerade für unsere Nationalspielerinnen zuletzt schon sehr sportlich war. “
Werder ohne Rhythmus
Den Bremerinnen, die wegen wetterbedingter Absagen 2026 erst drei Pflichtspiele bestritten haben, ist der fehlende Rhythmus anzumerken – das Spiel wird zunehmend hektischer. In der 60. Minute wechselt die SGS mit Vanessa Fürst, Jacqueline Meißner und Ramona Maier frische Kräfte für die fleißige Laura Pucks und die beiden Rückkehrerinnen Beke Sterner und Jana Feldkamp ein. Der wie üblich hoch engagierte Bremer Fanblock gibt nun nochmal alles. Das Essener Publikum beantwortet die Gesänge der Grün-Weißen mit „Auf geht’s Essen schieß ein Tor!“-Sprechchören.

Das tut die SGS allerdings nicht. Natasha Kowalski schlägt zwei Freistöße in die Mauer, Ramona Maier setzt einen Schuss aus der Drehung neben das Tor, und Laureta Elmazi geht nach einem sehenswerten Sprint die Kraft für den Abschluss aus. Werder ist zwar bemüht, den Druck zu erhöhen – doch irgendwo ist immer mindestens ein Essener Bein im Weg. Schiedsrichterin Riem Hussein, die in Sachen Trikotziehen und Bodychecks lange großzügig pfeift, verteilt ab der 77. Minute dann doch noch drei Gelbe Karten – an Kowalski sowie die Bremerinnen Lina Hausicke und Juliane Wirtz. Wäre ja sonst auch seltsam. Ist schließlich ein Pokalfight.
Das spürt auch das Essener Publikum. In der Nachspielzeit hält es viele Fans der SGS nicht mehr auf ihren Sitzen. Die kleineren unter ihnen verpassen deshalb vermutlich, wie die eingewechselte Verena Wieder in der 93. Minute noch einen Kopfball an die Latte des Essener Tores setzt – wohl die größte Bremer Chance des gesamten Spiels. Das stört aber zumindest auf Seiten der SGS niemanden mehr. Denn direkt danach pfeift Riem Hussein das Spiel ab – und die gesamte Essener Bank stürmt den Platz.

Die sonst so kontrolliert wirkende Heleen Jaques springt ausgelassen mit dem Rest des Teams über den Rasen. In der anschließenden Pressekonferenz erklärt die Belgierin: „Ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft. Die Mädels haben es durchgezogen und richtig gut gemacht.“ Lena Ostermeier, die die SGS gegen Bremen als Kapitänin aufs Feld führte, schien das geahnt zu haben. Bereits am Vortag hatte die Abwehrspielerin im Interview betont: „DFB-Pokal macht immer Spaß. Das sind besondere Spiele. Da ist einfach alles möglich.“
Ostermeiers Wunsch, im Halbfinale noch nicht auf Bayern oder Wolfsburg zu treffen, geht zwar nicht in Erfüllung: Die SGS muss Anfang April auswärts gegen die Münchnerinnen ran. Aber es ist ja ein Pokalspiel. Und da ist bekanntlich alles möglich.
Titelfoto: IMAGO/Fotografie73
