207 Bundesligaspiele. Alle für die SGS Essen. Abwehrspielerin Lena Ostermeier ist eine der prägenden Figuren des letzten reinen Frauenvereins in der 1. Liga. Vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Werder Bremen spricht die 29-Jährige über Pokalerfahrungen, den Umgang mit jungen Spielerinnen, eine harte Saison – und darüber, wie sie den Kopf frei bekommt.
Lena Ostermeier, wenn Sie das Wort „DFB-Pokal“ hören – welches Gefühl kommt da als erstes in Ihnen auf?
Freude, definitiv Freude. DFB-Pokal macht immer Spaß. Das sind besondere Spiele. Man weiß nie, was passiert. Da ist einfach alles möglich.
Die SGS hat im Pokal schon tolle Geschichten geschrieben. Sie selbst haben mit dem Team zweimal das Finale erreicht. Was bedeutet dieser Wettbewerb für den Verein?
Der Pokal ist ein tolles Extra neben dem Alltagsgeschäft in der Liga. Mit unseren Leistungen dort können wir unsere Fans stolz machen und nach außen zeigen, was die SGS Essen ausmacht.
Gibt es ein Pokalspiel aus Ihrer Karriere, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, das Pokalfinale 2020 zu Corona-Zeiten. Zum einen war es eine extrem ungewöhnliche Situation in einem so großen, komplett leeren Stadion zu spielen. Zum anderen waren wir damals so nah am Titel dran wie noch nie. Für mich persönlich war das Erlebnis auch deutlich intensiver als 2014, weil ich 2020 auf dem Platz stand.
Natürlich schade, dass ausgerechnet bei diesem Spiel keine Zuschauer im Stadion sein durften.
Total. Wobei es auf dem Feld für uns damals tatsächlich gar nicht so schlecht war, weil es dadurch einfacher war, sich zu verständigen. Aber ich würde definitiv auch gerne mal ein Finale im ausverkauften Kölner Stadion spielen.
Der Weg dahin führt für die SGS im Viertelfinale diesmal über Werder Bremen. Werder gilt als sehr unangenehmer Gegner. Was macht die Bremerinnen gefährlich?
Erstmal kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es unangenehm ist gegen sie zu spielen. Sie bringen Zweikampfstärke und Aggressivität mit und ziehen immer voll durch. Und gerade in der aktuellen Saison schalten sie auch gut um. Besonders ihre Offensive ist gefährlich. Da muss man defensiv gut stehen, sonst kann das Spiel schnell kippen.
In der Hinrunde der Bundesliga lag Ihr Team gegen Bremen schon 0:3 hinten und ist dann noch auf 2:3 herangekommen. Was muss die SGS diesmal anders machen, um von Beginn an besser in die Partie zu finden?
Wir müssen von Anfang an hellwach sein, uns unserer Stärken bewusst sein und das auch zeigen. Jedem muss klar sein, dass das ein Pokalspiel ist. Verlieren ist nicht, Unentschieden auch nicht. Es muss einen Sieger geben. Und damit wir das sind, müssen wir unser Herz auf dem Platz lassen – von der ersten bis zur letzten Sekunde.
In der Liga steckt die SGS mitten im Abstiegskampf. Wie schafft man es in dieser Lage in den Pokalmodus umzuschalten?
Ich glaube, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Im Pokal haben wir unsere Spiele gewonnen. Wir haben bis zum Schluss gemeinsam gekämpft und die nächste Runde erreicht. Das kann befreiend wirken. Man sieht ja immer wieder, dass im Pokal auch Teams weit kommen können, bei denen es in der Liga nicht so gut läuft. Wir werden jedenfalls alles geben, um zu zeigen, was das wahre Gesicht der SGS ist.
Sie gehören mit 207 Bundesligaeinsätzen, davon 186 in der Startelf, zu den erfahrensten und konstantesten Spielerinnen der SGS. Wie begleiten Sie junge Talente wie etwa Lany Bäcker, die gerade erst 18 geworden ist, durch schwierige Phasen? Führen Sie Gespräche oder findet das alles auf dem Platz statt?
Das fängt schon an, wenn ein Talent von unten hoch kommt, um mit uns zu trainieren. Dann unterhält man sich mal, gibt Tipps, wächst als Team zusammen und zeigt, dass man sich gegenseitig respektiert. Wenn dann jemand mit wenig Erfahrung seine ersten Spiele macht, gebe ich Hilfestellungen und werde auf dem Platz auch mal lauter, wenn es nötig ist. Ich habe inzwischen einiges erlebt, viel Erfahrung gesammelt und die versuche ich weiterzugeben. Natürlich sollte man auch ein offenes Ohr haben und deutlich machen, dass das, was auf dem Platz gesagt wird, auf dem Platz bleibt. Ich bin ja hinterher niemandem böse, weil er im Spiel einen Fehler gemacht hat.

Sie waren bei Ihrem Bundesligadebüt für Essen 16 Jahre alt. Erkennen Sie sich selbst in Lany Bäcker oder anderen jungen Spielerinnen wieder? Und an wem konnten Sie sich als 16-Jährige orientieren – wer war Ihre Lena Ostermeier?
Ich glaube schon, dass es da Ähnlichkeiten gibt. Aber es hat sich im Vergleich zu damals auch viel verändert. Früher war die Hierarchie strikter. Da gab es die jungen Spielerinnen und die erfahrenen und man hat deutlich gemerkt, wer in welches Lager gehört. Ich hatte deshalb damals nicht die eine Spielerin, die mich geformt hat. Mittlerweile ist das aufgebrochen und es ist gemeinschaftlicher.
Sie sind jetzt seit fast 14 Jahren bei der SGS und haben in der Zeit fast immer unter Markus Högner gespielt. Jetzt standen in dieser Saison mit Robert Augustin, Thomas Gerstner, Jessica Wissmann und jetzt Heleen Jacques schon vier verschiedene Chefs oder Chefinnen an der Seitenlinie. Wie haben Sie das wahrgenommen? Und was macht das mit dem Team?
Ich dachte, ich hätte schon alles erlebt in meiner Zeit bei der SGS. Aber diese Saison hat mich da eines Besseren belehrt. Damit, welchen Verlauf das nimmt, habe ich nicht gerechnet. Aber ich glaube, dass wir gerade aus der ersten Trainerkonstellation als Mannschaft gestärkt hervorgegangen sind. Wie es am Ende abgelaufen ist, hat uns nochmal vor Augen geführt, wie stark wir als Team zusammenstehen. Das war so ein Bekenntnis, dass wir danach mit Jessica Wissmann eigentlich ganz guten Fußball gespielt haben, weil wir wieder gemerkt haben, worauf es ankommt, nämlich darauf, wie wir auf dem Platz stehen. Das hat sie uns gezeigt und uns den Mut zurückgegeben. Wir hatten in dieser Saison schon viele verschiedene Ansätze und sind mittlerweile auf einem guten Weg, alles richtig zusammenzuführen. Jetzt hoffen wir, dass es am Ende reicht für den Klassenerhalt.
Was war denn aus Ihrer Sicht das Problem in der ersten Phase der Saison, als wirklich überhaupt nichts zusammenlief?
Ich möchte da niemanden in die Pfanne hauen. Vielleicht reicht es zu sagen, dass in der Kommunikation viel falsch gelaufen ist und wir als Team mit den beiden Trainern nicht wirklich einer Meinung waren. Es war auch zu erkennen, dass es nicht funktioniert, wenn man stur einer Taktik treu bleibt, egal ob man schon fünf Gegentreffer kassiert hat oder nicht. Da muss man dann auch mal etwas anpassen und das ist damals nicht passiert.
Viele Spielerinnen wechseln von der SGS irgendwann zu einem größeren Klub, wenn es bei ihnen gut läuft. Bei Ihnen ist es auch oft gut gelaufen, trotzdem sind Sie immer in Essen geblieben. Gibt es einen Moment, der symbolisch dafür steht, warum Sie sich so entschieden haben?
Wenn ich einen Moment wählen müsste, wäre es das Pokalfinale 2020. Dass wir das erreicht haben, mit unseren minimalistischen Mitteln, zeigt wie hart im Hintergrund gearbeitet wurde, um die Bedingungen für diesen Erfolg zu schaffen. Aber eigentlich will ich es gar nicht auf einen Moment reduzieren, weil das, was ich an diesem Verein schätze, jeden Tag da ist. Der familiäre Umgang im Verein, dass wir alle gut miteinander auskommen, dass man beim Leben neben dem Fußball unterstützt wird – das ist etwas Besonderes. Hätte ich woanders gespielt, hätte ich das, was ich neben dem Fußball geschafft habe, so sicher nicht erreichen können.

Erreicht haben Sie unter anderem einen Doktortitel in Chemie. Und jetzt gerade erreiche ich Sie bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Ja, stimmt. Da bin ich in zwei Löschzügen tätig. Zum einen bei der normalen Freiwilligen Feuerwehr und zum anderen bei der ATF, der Analytischen Task Force. Da hatten wir erst am Sonntag einen Einsatz, bei dem wir ein weißes Pulver analysieren mussten, um zu klären, ob es eine Gefahr für die Gesundheit darstellt oder nicht.
Bei der ATF bringen Sie vermutlich Ihr Wissen als promovierte Chemikerin ein?
Genau. Da lässt sich mein Studium gut mit meinem Hobby Freiwillige Feuerwehr verbinden. Außerdem arbeite ich in Teilzeit bei einem Unternehmen, bei dem ich mir die Arbeit so einteilen kann, dass ich zum Training gehen kann und Zeit für die Feuerwehr finde.
Hilft Ihnen diese Vielseitigkeit mit Drucksituationen im Fußball umzugehen?
Ich habe jetzt über Jahre so viel Stress gehabt, dass der Fußball der Teil meines Lebens war, bei dem ich den Kopf ausschalten konnte. Und ich glaube, das hat mir tatsächlich geholfen. Nach meiner Promotion habe ich kurz auch mal versucht, nur Fußball zu spielen. Da habe ich aber schnell gemerkt, dass das für mich nicht funktioniert, dass ich den Kopf so nicht frei kriege. Also habe ich mir wieder etwas gesucht, um die Zeit bis zum Training sinnvoll zu nutzen und nicht den ganzen Tag gedanklich an einer Sache festzuhängen.
Machen wir den Kopf zum Schluss des Gesprächs mal kurz ganz frei und stellen uns einfach vor, das Viertelfinale wäre schon geschafft und die SGS stünde im Halbfinale des DFB-Pokals. Wer wäre dort Ihr Wunschgegner?
Erstmal ist jetzt wichtig, dass wir gegen Bremen gewinnen. Und wenn man den Titel will, muss man ja sowieso jeden Gegner besiegen. Trotzdem könnte ich dann im Halbfinale noch gut auf Bayern und Wolfsburg verzichten.
Lena Ostermeier
Lena Ostermeier gab im März 2013 als 16-Jährige ihr Bundesligadebüt für die SGS Essen. Damals wurde die Linksverteidigerin in der 89. Spielminute für Linda Dallmann eingewechselt. Seitdem ist Ostermeier der SGS treu geblieben. Aktuell liegt die gebürtige Schwerterin mit 207 Bundesligaspielen auf Platz zwei der ewigen Bestenliste der Essenerinnen. Vor ihr rangiert derzeit nur ihre Teamkollegin und SGS-Kapitänin Jacqueline Meißner.
Titelfoto: SGS/Michael Gehrmann
