Das Team der SGS Essen bedankt sich beim Publikum auf der Rahntribüne.

SGS Essen: Ein Abschied vor Rekordkulisse

Nach 22 Jahren in der ersten Liga steigt die SGS Essen am letzten Spieltag der Saison ab. Zwar glaubt schon vor der Partie gegen Freiburg niemand mehr wirklich an ein Wunder – trotzdem wird es ein Nachmittag, der wehtut.

Am Ende ist es eine merkwürdige Stimmung irgendwo zwischen Abschlussfahrt und Beerdigung. Lena Ostermeier kämpft mit den Tränen, Lany Bäcker läuft mit einer Sofortbild-Kamera durch die Gegend und Ramona Maier verschenkt ihre Schuhe. 

5.738 Zuschauer*innen sind für das letzte Saisonspiel der SGS Essen ins Stadion an der Hafenstraße gekommen – Rekord. Aus den Lautsprechern johlen kurz vor dem Anpfiff die Höhner: „Jetzt geht’s los! Wir sind nicht mehr aufzuhalten!“ Das Publikum oben auf den Tribünen schwenkt weiße und lilafarbene Fahnen.

Unten betritt Essens Kapitänin Jacqueline Meißner das Spielfeld. In den Armen hält die 32-Jährige ihre Zwillingssöhne – einen links, den anderen rechts. Die Innenverteidigerin tritt seit 2011 für die SGS an. Die Partie gegen den SC Freiburg ist ihr 327. Pflichtspiel für den Ruhrgebietsverein. 

Essens Kapitänin Jacqueline Meißner betritt das Spielfeld mit ihren Zwillingssöhnen.
Essens Kapitänin Jacqueline Meißner betritt das Spielfeld mit ihren Zwillingssöhnen.
Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Dass Meißner und ihr Team gerade dieses Spiel vor einer Rekordkulisse bestreiten, hat fast etwas Ironisches. Rund ums Stadion findet an diesem Tag ein Fanfest statt mit Imbissständen, Hüpfburgen und Bühnenprogramm. Wochenlang hat der Verein die Partie als „Highlightspiel“ beworben und dafür extra die sonst geschlossene Rahntribüne geöffnet. Ausgerechnet für jenes Spiel, an dessen Ende nach 22 Jahren durchgehender Erstligazugehörigkeit der Abstieg stehen wird. 

Ackern und Artistik

Die SGS Essen gilt als Talentschmiede des deutschen Frauenfußballs. Nationalspielerinnen wie Lea Schüller, Nicole Anyomi oder Lena Oberdorf sind hier groß geworden. Dass der Verein sich trotz erstklassiger Nachwuchsarbeit nicht mehr in der obersten Liga halten kann, hat viele Gründe. Einige sind hausgemacht, andere haben mit Pech zu tun und wieder andere mit der allgemeinen Entwicklung des Frauenfußballs.

Als Schiedsrichterin Miriam Schwermer das Spiel an der Hafenstraße anpfeift, ist der Abstieg des „letzten reinen Frauenvereins der ersten Liga“, wie die SGS gerne betitelt wird, jedenfalls im Grunde schon besiegelt. Essen steht auf einem Abstiegsplatz. Um den noch zu verlassen, müsste man an diesem Tag drei Punkte und 12 Tore auf den Hamburger SV gutmachen. Ein aussichtsloses Unterfangen für die – neben der des Tabellenletzten Jena – schwächste Offensive der Saison.

Die Essenerinnen treibt daher gegen Freiburg weniger die Vorstellung an, massenweise Tore zu schießen, als der einfache Wunsch, sich anständig aus der Liga zu verabschieden. Und das gelingt ihnen. Sie ackern und das Publikum dankt es ihnen. In der 42. Minute lupft die Freiburgerin Alena Bienz den Ball über die aus dem Tor stürmende Kim Sindermann. Als Essens Paula Flach die Situation per Fallrückzieher artistisch klärt, geht ein Raunen durchs Stadion.

Echter Jubel, auch ohne Wunder

In der zweiten Halbzeit gelingt der SGS dann sogar der Führungstreffer. Die 18-jährige Lany Bäcker verlängert eine Ecke per Kopf auf Beke Sterner, die den Ball mit links im Tor versenkt. Alle Feldspielerinnen der SGS versammeln sich zu einer ausgelassenen Jubeltraube. Auch wenn es, realistisch betrachtet, nicht viel zu feiern gibt: Sterners Treffer fällt in der 71. Minute, im Parallelspiel des HSV gegen die Bayern steht es 0:0. Das letzte Fünkchen Hoffnung auf ein Fußballwunder ist also längst erloschen.

Die Essenerinnen feiern den Führungstreffer gegen Freiburg.
Die Essenerinnen feiern den Führungstreffer gegen Freiburg. Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Doch auch auf der Rahntribüne wird gefeiert. Trommler Jan Frederik Schneider, der schon seit 2013 zur SGS kommt, treibt das Publikum an. Später wird er sagen: „Das war einfach geil, weil so viele mitgemacht haben!“ Die meisten seien vermutlich vorher noch nie da gewesen. Stört ihn aber nicht. „Ich hatte ja auch keine Ahnung vom Frauenfußball, als ich zum ersten Mal hergekommen bin.“

Zwei Minuten nach Sterners Tor läuft Essens Torhüterin Kim Sindermann plötzlich an den Mittelkreis. Sindermann will zu Jacqueline Meißner, deren Nummer am Seitenrand in die Höhe gehalten wird. Meißner gibt Lena Ostermeier die Kapitäninnenbinde. Die beiden, die so vielen jungen Teams der SGS über Jahre die Gelassenheit vermittelt haben, die es brauchte, um in der Bundesliga zu bestehen, umarmen sich. 

23.258 Minuten für die SGS

Dann ist der Rest des Teams dran. Die Spielerinnen applaudieren, das Stadion applaudiert. Meißner atmet tief durch, drückt ein paar Tränen weg, winkt ins Publikum und geht vom Feld.  23.258 Minuten hat „Jaci“ Meißner für die SGS Essen in der Bundesliga auf dem Platz gestanden. Die Auswechslung an diesem Sonntagnachmittag wirkt nicht, als käme noch eine dazu.

Wenig später wird es schon wieder emotional: In der 85. Minute nimmt Essen einen Dreifach-Wechsel vor. Mit Taktik hat das an diesem Tag vermutlich nichts zu tun. Vom Platz gehen Laura Pucks, Ramona Maier und Lena Ostermeier. 

Maier wird wie zuvor Meißner von sämtlichen Mitspielerinnen geherzt. Selbst Freiburgs Kapitänin Lisa Karl nimmt ihre Gegenspielerin in den Arm und bei der auf dem Platz oft so robusten Stürmerin Ramona Maier fließen die Tränen, während Essens Trainerin Heleen Jaques das Publikum auffordert, nochmal richtig Lärm zu machen. 

Schluss mit der ersten Liga

Lena Ostermeier verlässt das Spielfeld.
Lena Ostermeier verlässt das Spielfeld. Foto: Seiler

Auf Maiers Abgang folgt der von Lena Ostermeier. Auch sie winkt auf dem Weg an die Seitenlinie ausgiebig ins Publikum. Und während Ostermeier vor der Bank noch immer von Mitspielerinnen und Staff-Mitgliedern gedrückt wird, überspielt der SC Freiburg die so aufgewühlte wie unsortierte Essener Abwehr mit einem schnellen Pass in die Tiefe. 86. Spielminute: 1:1 durch Svenja Fölmli.

Die Essenerinnen laufen anschließend nochmal an, das Publikum versucht, den Ball ins Tor zu schreien. Beides funktioniert nicht. Und dann ist Schluss. Schluss mit diesem Spiel und zumindest vorerst auch Schluss mit der ersten Liga für Essen.

Jacqueline Meißner gibt tapfer Interviews und sagt, die Spielerinnen hätten nur Verträge für die erste Liga. Nun müssten erstmal Gespräche folgen. Ihre eigene Zukunft lässt sie dabei offen. Nach den Reaktionen auf ihre Auswechslung wäre es allerdings überraschend, wenn Meißner nochmal für die SGS auflaufen würde. 

„Wir werden nie wieder so zusammen spielen“

SGS-Geschäftsführer Florian Zeutschler im Gespräch mit Stürmerin Ramona Maier.
SGS-Geschäftsführer Florian Zeutschler im Gespräch mit Stürmerin Ramona Maier. Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Lena Ostermeier kämpft nach dem Abpfiff mit den Tränen und wird deutlicher, was ihre Zukunft angeht: „In erster Linie war das heute ein Abschied von der Mannschaft. Ich glaube, wir werden nie wieder so zusammen spielen. Natürlich war es auch ein Abschied aus der ersten Liga. Aber für mich persönlich endet hier vor allem ein langer Lebensabschnitt. Ich bin seit 14 Jahren in Essen. Das Stadion war mein Zuhause. Ich denke, alle haben gesehen, dass heute für mich das letzte Spiel für diesen Verein zu Ende gegangen ist.“

Was danach kommt? „Ich hoffe, eine ganz aufregende Zeit, um die letzten Fußballjahre noch zu genießen und etwas Neues zu erleben“, sagt Ostermeier (29), die, genau wie die gebürtige Dortmunderin Jacqueline Meißner, im Ruhrgebiet verwurzelt ist.

Auf dem Platz läuft Lany Bäcker unterdessen hin und her und macht Gruppenfotos. Lilli Purtscheller signiert Trikots, Vanessa Fürst verschenkt welche. Essens Geschäftsführer Florian Zeutschler unterhält sich am Spielfeldrand mit der erschöpften Ramona Maier.

Keine Verabschiedung im Stadion

Eigentlich wäre jetzt der Moment für Blumen und Fotocollagen. Für eine offizielle Verabschiedung jener, die den Verein verlassen. Lilli Purtscheller etwa, die nach einem Kreuzbandriss in dieser Saison nur 16 Minuten auf dem Platz gestanden hat und nun zu Werder Bremen wechselt. Natasha Kowalski, die es nach Leverkusen zieht. Und die junge Kassandra Potsi, die vom großen FC Bayern abgeworben wurde.

Fast 6.000 Zuschauer*innen wären ein schöner Rahmen für eine solche Ehrung. Gerade auch für so verdiente Spielerinnen wie Jacqueline Meißner und Lena Ostermeier, sofern sie den Verein verlassen, dem sie so lange die Treue gehalten haben. Bei der SGS aber entscheiden sie sich an diesem Tag dagegen. Stattdessen spielt irgendwer „Wir sagen danke schön“ von den Flippers, während das Team vor der Rahntribüne noch einmal in die Menge winkt. Naja. Immerhin nicht „Die Karawane zieht weiter“.

Titelfoto: IMAGO/Funke Foto Services

Kurz nach Fertigstellung dieses Textes hat die SGS Essen auf Instagram einen Post veröffentlicht, in dem sich der Verein bei Maike Berentzen, Paula Flach, Laureta Elmazi, Ramona Maier, Paulina Platner, Vanessa Fürst, Julia Debitzki, Luisa Palmen, Shari van Belle und Ella Touon für die gemeinsame Zeit bedankt.

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