Die Spielerinnen der SGS Essen bejubeln einen Treffer von Jacqueline Meißner. Foto: Thomas Kellershoff

SGS Essen: Zehn Jahre älter, drei Punkte reicher

Ein Sieben-Tore-Spektakel im Kellerduell? Damit rechneten vor dem Spiel zwischen der SGS Essen und dem FC Carl Zeiss Jena wohl die Wenigsten. Dass es dazu kam, lag auch an einem überraschenden Schachzug von Essens Cheftrainerin Heleen Jaques.

Die Startaufstellung der SGS Essen lässt nichts Gutes ahnen. Jedenfalls nicht, wenn man auf Tore hofft.

Mit Flach, Fürst, Meißner, Ostermeier, Sterner und Touon stehen gegen den FC Carl Zeiss Jena gleich sechs nominelle Abwehrspielerinnen in der ersten Elf. Dazu kommen mit Debitzki und Platner zwei defensiv orientierte Mittelfeldspielerinnen. Rechnet man noch Torhüterin Sindermann dazu, bleiben gerade einmal zwei echte Offensivkräfte: Köpp und Kowalski.

Es deutet also alles auf eine Abwehrschlacht hin – am Samstagmittag um 12 Uhr im Stadion an der Hafenstraße. Eigentlich auch kein Wunder: Der Tabellenletzte Jena trifft auf den Vorletzten Essen – und der schwächste Angriff der Liga (Essen, 17 Tore) auf den zweitschwächsten (Jena, 18). 

Doch kaum hat man sich auf der Tribüne damit getröstet, dass wenigstens die Sonne scheint, da steht es auch schon 2:0 für die Gastgeberinnen.

Touon und Meißner bringen Essen vorne nach vorn

Ella Touon wurde aus der Abwehr nach vorne beordert und traf gleich doppelt. Foto: Thomas Kellershoff

Essens Trainerin Heleen Jaques hat auf den Ausfall ihrer Top-Torschützin Ramona Maier (Gelbsperre) mit einem überraschenden Schachzug reagiert und die Abwehrspielerinnen Jacqueline Meißner und Ella Touon zu Flügelstürmerinnen umfunktioniert. Und so steht die SGS gar nicht hinten drin, sondern startet mit viel Zug zum Tor.

In der sechsten Minute bringt Touon Essen in Führung. Zwei Minuten später spielt sie einen perfekt getimten Steckpass auf Meißner, die die Vorlage aus spitzem Winkel im Stile einer Top-Stürmerin verwandelt. Jaques erklärt den Kniff mit den Beiden im Angriff nach der Partie so: „Die Idee war, mit viel Power und Geschwindigkeit vorne drauf zu gehen. Wir wollten in den Flow kommen und möglichst lange drin bleiben.“

Gegen die ersatzgeschwächten Jenaerinnen – in der Abwehr fehlen die gelb-rot-gesperrte Felicia Sträßer und Gwen Mummert – geht dieser Plan lange auf. Bis Essens Torhüterin Kim Sindermann Jena in der 37. Minute wieder ins Spiel holt. Einen Rückpass von Paulina Platner spielt sie Jenas Stürmerin Rieke Tietz direkt in den Fuß. Die kann den Ball mühelos ins leere Tor schieben.

Mit Tröten, Konfetti und offenem Visier

Ella Touon, Natasha Kowalski und Paula Flach bejubeln einen Treffer der SGS Essen. Foto: Thomas Kellershoff
Ella Touon, Natasha Kowalski und Paula Flach bejubeln einen Treffer der SGS Essen. Foto: Thomas Kellershoff

„So was passiert“, sagt Essens Kapitänin Jacqueline Meißner nach dem Spiel. „Aber durch den bisherigen Saisonverlauf kommt dann schnell ein bisschen Unsicherheit rein.“ Bis zum Halbzeitpfiff bleibt es aber bei der 2:1 Führung für die SGS. Der FC Carl Zeiss Jena startet mit Tröten und Konfetti aus dem Fanblock und einer frischen Stürmerin – Isabella Jaron kommt für Olivia Alcaide – in die zweite Hälfte. Die Tore aber schießt Essen. 

In der 56. Minute zieht Ella Touon eine Ecke von rechts auf den kurzen Pfosten, wo Jacqueline Meißner punktgenau eingelaufen ist und den Fuß an den Ball bekommt: 3:1. Zwei Minuten später passt Meißner die Kugel von rechts quer durch den Jenaer Strafraum. Lara Schenk bekommt zwar noch den Fuß dazwischen, lenkt den Ball aber so scharf in Richtung ihrer eigenen Torhüterin, dass Jasmin Janning ihn nicht festhalten kann. Er landet bei Touon, die ihn am langen Pfosten zum 4:1 versenkt.

Jena macht trotzdem weiter und Essen steht nicht sicher. So heißt es in der Folge dank eines Treffers von Melina Reuter schon drei Minuten später nur noch 4:2. Jetzt flattern bei Essen die Nerven. Auf dem Platz entwickelt sich ein recht wildes Hin- und Her und wie das so ist, bei Duellen mit offenem Visier: Irgendwann kassiert jemand einen Treffer. 

Aus 4:1 wird 4:3

Die Essenerinnen Jacqueline Meißner und Lena Ostermeier und Jenas Lara Schenk erwarten eine Flanke. Foto: Thomas Kellershoff
Jena gibt nicht auf: Hier Lara Schenk gegen Jacqueline Meißner und Lena Ostermeier. Foto: Thomas Kellershoff

In dem Fall ist es die SGS Essen. In der 72. Minute schießt die eingewechselte Helen Börner auf Vorlage von Melina Reuter das 4:3. Die SGS protestiert, weil Reuter zuvor im Laufduell offenbar Gegenspielerin Lena Ostermeier durch einen Kontakt am Fuß zu Fall gebracht hat. Doch die Schiedsrichterin hat die Aktion entweder nicht gesehen oder wertet sie nicht als Foul. Der Anschlusstreffer zählt. 

Viel mehr passiert dann aber zum Leidwesen des FC Carl Zeiss Jena nicht mehr und als schließlich auch noch die fünf Minuten Nachspielzeit überstanden sind, steht fest: Die drei Punkte im unerwartet torreichen Kellerduell gehen an die SGS Essen. Aus deren Kabine kann man anschließend „Der Zug hat keine Bremse“ wummern hören, während draußen auf dem Flur Co-Trainerin Jessica Wissmann gelöst „Jaci Meißner – Fußballgott!“ skandiert. 

„Die sollen richtig feiern!“

Zufrieden: Leonie Köpp (Nr.20) und Beke Sterner von der SGS Essen. Foto: Thomas Kellershoff
Durchpusten: Leonie Köpp (Nr. 20) und Beke Sterner von der SGS Essen. Foto: Thomas Kellershoff

Gut so, findet Essens Cheftrainerin Heleen Jaques: „Wir sind zwar heute alle um zehn Jahre gealtert. Trotzdem bin ich stolz auf das Team. Die sollen richtig feiern und das Wochenende genießen!“ Ernst wird es an der Hafenstraße schließlich noch früh genug wieder. Drei Spiele bleiben dem Team der SGS Essen noch, um sich über den Strich zu retten. Realistisch betrachtet muss es dafür – mit Blick aufs Torverhältnis – vier Punkte auf den HSV oder fünf auf den 1. FC Nürnberg gut machen.

„Die Stimmung und die Energie in der Mannschaft sind gut. Das stimmt mich positiv für die letzten Spiele“, meint Heleen Jaques. „Wir fokussieren uns auf uns und unsere Aufgaben.“ So sieht es auch Doppeltorschützin Jacqueline Meißner, die Kapitänin der SGS: „Wir müssen weiter unsere Punkte sammeln.“

Die nächste Chance dazu haben die Essenerinnen am kommenden Sonntag gegen Bayer Leverkusen.

Titelfoto: Thomas Kellershoff

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